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"Ich war schon immer Realist" - Interview mit Jan Schmid

Erstellt am: 10.01.2012 18:54/ st
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Als Teil des bärenstarken norwegischen Teams ist Jan Schmid in dieser Saison aus dem erweiterten Favoritenkreis des Weltcups nicht mehr wegzudenken. Im Rahmen des Weltcupwochenendes in Oberstdorf sprach fisnordiccombined.com mit dem gebürtigen Schweizer über Frust und Motivation, die neuen Wettkampfformate, Zukunftsperspektiven und das Gefühl zu siegen.

Am letzten Wochenende ist Oberstdorf sehr kurzfristig für Schonach eingesprungen, ist eine solche Änderung problematisch für euch Athleten? Muss man sich sehr umstellen?

 

Jan Schmid: Das war überhaupt kein Problem. Wir wären eh nach München geflogen für beide Wettkampforte. Der einzige Unterschied war, dass Oberstdorf eine etwas größere Schanze hat. Wir haben in Trondheim momentan keine Großschanze zum Trainieren. Aber wenn du auf einer K 60-Schanze gut springst, ist auch eine K 120 kein Problem.

 

Wie nutzt ihr Athleten eigentlich die Wettkampfpause über Weihnachten und Neujahr?

 

Jan Schmid: Das ist sehr individuell. Die, die kleine Kinder haben, sind dann eher mit der Familie unterwegs. Ich zum Beispiel habe die erste Woche ganz ruhig verbracht und mich erholt. Dann haben wir eine relativ zähe Woche zwischen Weihnachten und Neujahr gehabt und anschließend ging es quasi bereits auf Weltcup-Niveau weiter. Wichtig ist, dass man nicht komplett aufhört, irgendetwas Intensives muss man machen, damit der Rhythmus erhalten bleibt.

 

Du hast in dieser Saison deinen ersten Einzelsieg feiern können und warst auch aktuell in Oberstdorf mit dem Team erfolgreich. Wie groß ist der Druck, der damit von einem abfällt?

 

Jan Schmid: Ich bin schon lange dabei und hatte mich eigentlich daran gewöhnt, nicht ganz oben zu stehen. Ich habe nie viel gewonnen, war sehr oft Zweiter, Dritter oder Vierter, auch bei internen Testwettkämpfen. Daher ist es jetzt wirklich sehr schön, mal wieder etwas zu gewinnen. 

 

Wie motiviert man sich denn jedes Mal wieder aufs Neue, wenn sich der Erfolg nicht wirklich einstellt?

 

Jan Schmid: Ich war relativ früh bereits mit dem Schweizer Team bei Top-Ereignissen, das macht sowieso großen Spaß, auch wenn man nicht ganz oben steht. Generell ist das Ziel ja, immer besser zu werden und dadurch motiviert man sich.

 

Du nutzt relativ häufig Social Media-Portale, um dich zu deinen Resultaten zu äußern und manchmal hat man auch das Gefühl, dass du keinen Hehl um deine Frustrationen machst. Ist dies für dich auch eine Art Ventil, um negative Gefühle loszuwerden?

 

Jan Schmid: Oft fühle ich mich gar nicht so negativ, wie es auf den ersten Blick klingen mag. Das ist einfach mein Stil, ich bin schon immer eher ein Realist als Optimist gewesen. Das ist bei meinem Bruder noch viel schlimmer, wir sind wohl generell eine negative Familie (lacht).

 

Da du gerade deinen Bruder Tommy erwähnst, ihr seid früher beide für die Schweiz gestartet und habt beide entschieden, die norwegische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Wie ist der letzte Stand bei deinem Bruder, der sich ja erst nach der letzten Saison zu diesem Schritt entschloss? Wollt ihr anschließend gemeinsam für das norwegische Team antreten?

 

Jan Schmid: Ja, das ist bei Tommy so gut wie finalisiert. Er wartet jetzt eigentlich nur noch auf seinen norwegischen Pass. Leider hatte er in den letzten Jahren einige gesundheitliche Probleme. Erst hatte er das Pfeiffersche Drüsenfieber, dann hatte er Mykoplasmen, das sind Bakterien, die Probleme mit der Lunge verursachen. Jetzt hat er erst einmal drei Monate frei gemacht und 12 Kilo zugenommen. Da war er natürlich zunächst recht schlecht im Juni. Aber es kommt langsam. Er ist jetzt im Norges Cup unterwegs, denn international darf er nicht starten. Da hat er nun ein Jahr Pause. 

 

Bei dir ist dieser Wechsel damals nicht so leicht gegangen. Es musste eine Ablösesumme aufgebracht werden, die zunächst niemand zahlen konnte. Wie hast du diese Zeit erlebt und hast du den Wechsel jemals bereut?

 

Jan Schmid: Also für mich war das nicht so schlimm. Ich hatte mich ja eh entschieden. Bei mir ging es auch schnell, weil es da eine Regel gab, die jetzt weg ist, dass man schnell die Nationalität wechseln darf. Ich war mit den Formalitäten realtiv zügig fertig, dann haben die Verbände unter sich ein bisschen gehandelt. Ich bin sicherlich die teuerste Ablösesumme im Skisport! (lacht) Bereut habe ich den Schritt nie. Das war bei mir so, wie bei Tommy jetzt, entweder man hört ganz auf, oder man wechselt. Wir waren beide eine volle Saison von Mitte November bis Ende März nie zuhause und das geht einfach nicht. 

 

In dieser Saison gab es bereits auch einige neue Formate wie den Team Sprint und das Penalty Race. Ist das aus deiner Sicht ein positiver Trend?

 

Jan Schmid: Ja! Den Team Sprint haben wir ja schon einmal gehabt, ich glaube das ist sehr spannend für die Zuschauer. Das Penalty Race ist noch nicht perfekt, aber es kann mit den entsprechenden Verbesserungsmaßnahmen noch sehr gut werden. Ich finde auch, es bräuchte noch ein neues Format dazu. Im letzten Jahr war das bei nur 13 Wettkämpfen kein Problem, da kann man schon 13 Gundersen-Rennen laufen, aber jetzt haben wir 27, da muss man schon etwas variieren, sonst wird es langweilig. Speziell wenn Jason in Form ist, dann sieht es ja sowieso immer gleich aus. Da muss er zwischendurch wirklich mal auf verschiedene Arten gewinnen! (lacht)

 

Nach dem Penalty Race hörte man von deinen Teamkollegen viel Lob über deinen Einsatz für sie, dass du deine eigenen Chancen geopfert hast, um sie an die Führenden heranzuführen. Bist du ein Team Player?

 

Jan Schmid: Also eigentlich nicht! (lacht) Nein, ernsthaft, in einem Wettkampf habe ich kein Problem, jemanden zu unterstützen, wenn ich selbst keine gute Ausgangsposition habe. Ich liebe zum Beispiel den Radsport und dort ist das normal. Wenn du keine Chance hast, dann kannst du jemand anderem helfen. 

 

Wenn du einen Wunsch frei hättest für die Nordische Kombination der Zukunft, was würde das sein?

 

Jan Schmid: Also ich finde, vom technischen Aspekt her ist eigentlich alles schon gut so. Wir haben auch gute Zuschauerzahlen am Fernsehen, aber ich würde mir wirklich wünschen, dass mehr Leute vor Ort zum Zuschauen kommen. Es wäre super, wenn man mal vom Sofa aufstehen und auch früh wie wir zur Schanze kommen würde. 

 

Neben deiner aktiven Karriere als Athlet studierst du auch. Was machst du genau, was ist deine Motivation dabei und wie groß ist die zusätzliche Belastung?

 

Jan Schmid: Ja, ich habe letztes Jahr einen Bachelor in Pädagogik abgeschlossen, das hat schon einige Jahre gedauert nebenher. Aber jetzt studiere ich Deutsch. Ich hatte in Seefeld zum Beispiel zwei Prüfungen während der Wettkämpfe und in der Ramsau auch eine, aber das geht schon. In Deutsch muss ich ja auch nicht sehr viel studieren in Norwegen. Generell finde ich es einfach gut, wenn man neben dem Sport auch noch etwas anderes macht. Dann kann man später auch in der Schule arbeiten, wenn es mit dem Sport nicht mehr gut geht, anstatt ein Loch zu graben und reinzuspringen! (grinst)

 

Silke Tegethof

 





Schlüsselwörterschmid | interview


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